Berit Jung Bassistin, Komponistin, Songpoetin

Rauhnacht

Ein Otto-Stotter-Text zum Thema Rauhnacht:

                                                                                                                                                                     Berit Jung

„Scheiße!“
„Na der hat gesessen! Direkt auf die Stirn. Meine Güte!“ Kalle lachte kurz auf, dann erhob er sich und klopfte Sand von seiner ausgeblichenen grauen Jogginghose.
„Spaß beiseite, Kumpel. Ich bin froh dich zu hören. Ich hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl, als du da so gelegen hast“
„Wer sind sie und was mache ich hier? Wo sind wir überhaupt?“
„Oje, das hatte ich befürchtet. Ein kurzer Aufprall und du erinnerst dich an nichts. Also ich bin Kalle und du heißt Michael, wenn ich nicht irre…“
„Michael Lütt, um genau zu sein.“
„Ah, sehr gut. Daran erinnerst du dich also.“ Kalle fuhr sich mit der Hand durch sein graues, schütter werdendes Haar und begann etwas von der Stirn des jungen Mannes zu wischen. „Kannst Du aufstehen? Probier mal!“ Michael richtete den Oberkörper auf und betrachtete die zerschabten Ärmel seines ehemals teuren Mantels.
„Was ist das?“
„Exkremente“
„Was??“
„Lemurenkacke, wenn du so willst“
„Wie K..?“
Kalle deutete nach oben. Direkt über ihnen saßen auf einem Kletterbaum drei relativ große braune Lemuren und starrten zu ihnen hinunter.
„Ich halte die schon den ganzen Abend in Schach. Gar nicht so einfach.“
Blitzschnell zog er aus seiner Jackentasche eine Aprikose hervor und steckte sie sich in den Mund. Die Lemuren quittierten dies mit einem lauten Aufschrei. Sie hüpften unruhig auf dem Ast herum, schienen sich aber nicht nach unten zu trauen. Als Kalle den Kern ausspuckte, wichen sie ein Stück zurück. Nur das größte Tier unter ihnen fauchte und schlug mit seinem gestreiften Schwanz mehrmals gegen den Ast,
auf dem es saß.
„Willst du auch eine?“ Kalle wühlte in seiner Tasche. „Aber nimm schnell, die Biester sind hungrig. Ich habe mir ihre halbe Tagesration genommen und ich glaube, sie sind ziemlich sauer auf mich. Aber keine Sorge, morgen früh wird ihnen der Tierpfleger wieder was reinstellen.“
„Der Tierpfleger?“ Michael ergriff die Frucht, steckte sie schnell in den Mund und blickte um sich. Die Lemuren funkelten ihn an, ohne ihren sicheren Platz zu verlassen. Sein Kopf schmerzte noch, aber nun sah auch er die Gitterstäbe, die sie umgaben.Kalle bemerkte seinen Blick „Lange Geschichte…“ murmelte er. „Lass uns hier abhauen. Möglichst bald. Ich bin zu Silvester verabredet und viel Zeit haben wir nicht mehr.“
„Was zum Teufel machen wir hier abends im Zoo!? Wie sind wir überhaupt in das Primatenhaus reingekommen?“ Michael versuchte das Beben in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Entspann dich! Ich sagte ja, lange Geschichte. Erklär’ ich dir nachher. Jetzt komm, wir müssen uns beeilen“.
Vom Dunkel umhüllt schlichen sie durch das Revier der Lemuren. Der Boden war mit Sand bedeckt. Nur ab und zu traten sie auf einen kleinen Ast, der unter ihren Füßen zerbarst.
Allzu groß schien das Innengehege allerdings nicht zu sein. Aber je mehr sie sich vom Licht der einzigen Lampe außerhalb der Gitterstäbe fort bewegten, desto weniger war zu erkennen. Sie tasteten sich entlang des Gitters und der Mauer bis zu einer Tür und rüttelten daran.
Wie erwartet war diese verschlossen.
„Mist! Wir sitzen fest.“ Kalle ließ sich in den Sand fallen, kramte ein paar Weintrauben aus seiner Jackentasche und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
Mehrere Lemuren hatten sich nun auf einer kleinen Plattform am anderen Ende des Käfigs versammelt. Sie fixierten die beiden Männer mit scheuen aber durchaus wütenden Blicken.
„Jetzt weiß ich’s wieder!“ Michael sprang auf. „Die Tür stand offen, du bist hier hineingerannt und ich hinterher. Warum, weiß ich gerade nicht. Und dann..“
„Und dann hat dich die Tür erwischt! Nur ein bisschen, zum Glück. Aber es hat wohl gereicht. Ich habe dich schnell hinter den Busch hier gezogen, weil ich nicht wollte, dass uns der Tierpfleger sieht. Dann hörte ich den Schlüssel im Schloss und seitdem sitzen wir hier fest.“
„Warum bist du in das Gehege gerannt?“
„ Nun, ich habe da etwas gesehen.“ Die Frage war Kalle sichtlich unangenehm. Er starrte auf seine ausgetretenen braunen Schuhe, die den Sand zu kleinen Häufchen auftürmten.
„Und was, wenn man fragen darf, hast du gesehen?“
„Das tut jetzt nichts zur Sache! Lass uns lieber schauen, wie wir hier rauskommen!“
Als Kalle sich aufrichtete, fiel ihm etwas aus der Hosentasche. Michael bückte sich und hielt das Stück Papier in den diffusen Lichtstrahl, den die Lampe vor dem Innengehege zwischen die Zweige warf.
„Hattest du ein Problem mit den beiden Polizisten am Straßenrand?“ Michael stand langsam auf. Er war zwei Köpfe größer als Kalle und kam diesem nun bedrohlich nahe. „Wie kommst du darauf?“ Kalle wich einen Schritt zurück.
Michael hielt ihm den Ausweis vor die Nase. „Hier steht Dieter Schmidt. Kein Kalle! Oder ist das vielleicht dein Künstlername?“
Kalle schlug ärgerlich mit der Hand gegen den Baumstamm. Die Lemuren zuckten zusammen.
„Dieter, Daniel, Kalle… ist doch egal! Wir müssen jetzt zusammenhalten, oder willst du mit den Lemuren Silvester feiern?“
„Sag mal, was denkst du dir eigentlich?“ Michaels Gesicht war nun so nah an Kalles, dass er dessen Atem spüren konnte.
„Ich… ach, jetzt gib schon her!“ Kalle angelte nach seinem Ausweis und stopfte diesen zurück in seine Hosentasche. Dann wich er abermals einen Schritt zurück.
„Du bist in den Zoo gerannt! Jetzt weiß ich es wieder! Und du hattest es auf einmal ziemlich eilig. Hast das Auto einfach an der Strasse abgestellt und bist mit meiner Brieftasche weggerannt. Du hast mir meine Brieftasche geklaut!!“
Martin schnaubte, dann packte er Kalle, hob ihn ein Stück hoch und drückte ihn gegen eine Mauer. Kalle zappelte hilflos mit Armen und Beinen, konnte sich aber nicht aus Martins Griff befreien.
„Sie ist schon wieder in deiner Manteltasche!“ rief er. „Ist noch alles drin. Entschuldige, ich habe nicht nachgedacht. War so ein Reflex.“
Martin ließ Kalle langsam wieder herunter, tastete seinen Mantel ab, holte die Brieftasche heraus und öffnete sie. Tatsächlich, es schien alles noch da zu sein.
Kalle setzte sich auf eine Kiste und schaute verschämt zu Boden.
Martin atmete einmal tief durch. „Wirst du gesucht?“
Kalle hob eine Augenbraue. „Vielleicht. Ich weiß es nicht.“
Die Lemuren, aufgeschreckt durch die lauten Stimmen, hüpften von Ast zu Ast. Nach ein paar Minuten hatten sie sich aber wieder beruhigt und lagen nun aneinandergekuschelt auf der hölzernen Plattform.
„Du hast gesagt, es wäre dein Auto!“ Michael ließ sich ebenfalls auf die Kiste fallen.
„Nun, sagen wir, ich habe es mir geborgt.“ Kalle wich seinem Blick aus und murmelte:
„Du hättest ja auch den Bus nehmen können.“
„Den hatte ich verpasst.“
„ Dann beschwer’ dich nicht!“
Michael stocherte seufzend mit den Füßen im Sand und stöhnte: „Da will man einmal trampen in seinem Leben und dann so was!“
„ Jetzt stell dich nicht so an! Du wolltest doch mal was anderes erleben an Weihnachten!“
„Weihnachten ist ja nun wohl vorbei!“
„Hast du nicht zu mir gesagt, dein Leben ödet dich an, nichts passiert, und wenn, dann immer nur das gleiche? 50 Mal Last Christmas, sage ich da nur“
„57 Mal! Innerhalb von 2 Tagen! Ich hasse dieses Lied!“
„George Michael ist gestorben.“
„Ich weiß. Trotzdem kann ich dieses Lied nicht leiden. Meine Schwester liebt es und jedes Jahr zu Weihnachten …“
„Ist ja schon gut. Du wirst ja ganz rot! Jetzt entspann dich.“ Kalle rutschte näher an Michael heran und streckte seine Beine aus. Dann begann er, seine Hände zu massieren.
„Sag mal…“ Michael setzte sich auf, „Wie bist du eigentlich so schnell in den Zoo reingekommen, ohne Eintritt zu bezahlen?“
„Man hat so seine Tricks.“
„Mich haben sie so nicht reingelassen. Aber ich hatte Glück, es stand sonst niemand an der Kasse und ich habe dich noch von weitem gesehen.“
„Soll ich dir den Eintritt erstatten?“
„Ist schon okay.“
Einen Moment lang war es ganz still. Nur die Lemuren gaben aus ihrer Ecke schnurrende, gurgelnde Laute von sich.
Möglicherweise fiel gerade jetzt der erste Schnee in diesem Winter.
Kalle holte aus seiner Jackentasche einen Flachmann, nahm daraus einen kräftigen Schluck und hielt Michael die Flasche unter die Nase. Dieser verneinte stumm.
Nachdem Kalle die Flache zurück in seine Tasche gesteckt hatte, sagte er leise:
„Weißt du, ich habe meine Schwester seit Jahren nicht gesehen.“
„Warum?“
„Lange Geschichte… Aber dieses Jahr werde ich mit ihr Silvester feiern.“
„Lebt sie weit weg?“
„Es geht. Ich werde es schon irgendwie schaffen zu ihr. Ich muss nur rechtzeitig hier loskommen. Pass auf. Ich habe einen Plan: Wenn morgen früh der Tierpfleger kommt, verstecken wir uns hinter dem Busch dort nahe der Tür. Wenn er am anderen Ende des Käfigs angekommen ist, um den Lemuren ihr Futter zu bringen, öffnen wir leise die Tür- er wird sie nicht abschließen- und schleichen uns raus. Was meinst du?“ Kalles Augen blitzten.
„Und dann?“
„Dann fällt uns schon etwas ein. Wenigstens ist es warm und gemütlich hier drin. Und zu essen gibt es auch. Er zog zwei Äpfel aus seiner Tasche und gab einen davon Michael.
Die Lemuren gaben keinen Ton von sich. Vermutlich waren sie mit sich selbst beschäftigt.
„Weiß deine Schwester, dass du kommst?“ Michael steckte den Apfel in seine Manteltasche.
„Nun, nicht direkt. … Aber sie kann es sich vielleicht denken.“
Michael musterte Kalle und schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Du hast gesagt, du bist verabredet.“
„Nun… Ja. Nein. Das heißt… Sie wird sich freuen. Bestimmt.“ Kalle nestelte am Reißverschluss seiner Jacke herum und betrachtete seine Schuhsohlen.
Dann blickte er auf und fragte: „ Wo wolltest du eigentlich hin, als ich dich an der Strasse aufgesammelt habe?“
„Zum Bahnhof.“
„Und dann?“
Michael zuckte mit den Schultern. „ Ich weiß nicht. Vielleicht zum Flughafen…“

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