Berit Jung Bassistin, Komponistin, Songpoetin

Die Fliege

                  Berit Jung

Ssssst . Macht es. Sssssst. Und noch einmal.
4 Uhr 30.
Verschwommen blinzelt mir der Wecker entgegen. 4Uhr 30!
Wenn ich die erwische!
Ssssst macht es noch einmal. Mist! Daneben.
Abermals versuche ich es, aber sie ist zu schnell für mich, um diese Zeit.
Ich ziehe mir die Decke über den Kopf.
Plötzlich kitzelt mich etwas an der Nase. Gequält offne ich die Augen und da sitzt sie; direkt auf meiner Nase und streckt mir die Zunge raus.
Ich bin mir sicher. Ich habe es ganz genau gesehen. Danach fliegt sie elegant einen Bogen, landetet auf der Lampe und reibt ihre Beine aneinander.
Die Fliege beobachtet mich. Ich gehe in die Küche, hole mir einen Apfel und lege mich zurück ins Bett. Noch ist es dunkel draußen.
Die Fliege mustert mich, dann den Apfel, dann wieder mich, dann wieder den Apfel. Plötzlich kommt sie im Sturzflug auf mich zu, reißt mir den Apfel aus der Hand und taumelte damit bis zum Schrank.
„Ist wohl doch etwas schwer“ denke ich und schaue mich vorsichtig um.
Die Fliege beißt herzhaft in den Apfel, dass es nur so spritzt. Irgendwie scheint sie größer zu sein als eben noch.
Sie baumelt lässig mit ihren Beinen und pfeift vor sich hin. Sie pfeift!
Jetzt reicht’s mir aber!
„Was soll denn das, das gibt’s doch nicht! Fliegen sind klein und essen keine Äpfel.“
„Das glaubst aber auch nur Du“ sagt die Fliege, „Noch nie was von einer kaukasischen Obstfliege gehört?“
„Hä?“
„Der … kaukasischen Obstfliege!“
„Nee“
Die Fliege lacht. „Wir Fliegen können von Natur aus bis ins Unendliche wachsen, tun das aber nicht, weil: Fliegen sind eben klein und schwarz. Stell Dir das mal vor: eine riesige Fliege,.. hä hä.. Aber ich habe da keinen Bock mehr drauf! Ist mir egal, was die anderen denken!“
Ein riesiger Flügel bedeckt jetzt den gesamten Kleiderschrank. Die Fliege läst sich auf den Boden plumpsen und kommt geradewegs auf mich zu.
„Hast Du noch mehr davon?“
Ich hole den Obstkorb aus der Küche und stelle ihn auf den Tisch. Die Fliege greift sich eine Banane und verschlingt sie im Ganzen.
„Da soll man die Schale abmachen“, sage ich „und außerdem, wieso kannst du denn sprechen?“
„Wir Fliegen können so Einiges, was glaubst Du denn“
„Ich glaube, ich habe gerade einen ganz merkwürdigen Traum“. Ich gehe zurück in mein Bett und drehe mich um. Da spüre ich den heißen Atem der Fliege direkt an meinem Ohr.
„Das hier ist die Realität, kein Traum, verstehst du?“ raunt sie mir zu.
Ich drehe mich um. Riesige Fliegenaugen betrachten mich höchst amüsiert. „Die Welt ist viel größer, als Du denkst, mehr als das, was Du für Realität hältst. Was bildest Du Dir eigentlich ein, Mensch?“
Die Fliege schüttelt mit dem Kopf. „Ihr seid so kleinlich und müsst immer alles kategorisieren! Eine Fliege ist klein und schwarz, sage ich da nur…“
„Und sie kann nicht sprechen“, füge ich hinzu. Ich spüre, dass ich ihrem bohrenden Blick nicht ausweichen kann.
„Wovor habt Ihr Angst? Das ist ja wie bei den Tieren im Zoo. Die wollen auch nicht raus aus ihrem Käfig, weil sie nicht wissen, was dann kommt“
Stille.
„Na zum Beispiel könnte ich jetzt kein Zebra sein.“ sage ich.
„Wieso nicht? …Aber warum willst Du ein Zebra sein?“
„Das ist doch nur ein Beispiel. Aber wenn ich da jetzt als Zebra auf die Strasse gehe, halten mich doch alle für völlig übergeschnappt, oder fangen mich ein und bringen mich in den Zoo“
„Das ist dein Problem“, bemerkt die Fliege trocken. „Aber Du könntest es.“
„Aha, und wie soll ich das anstellen?“ „Weite deinen Geist, dehne deine Gedanken und lass sie nicht an der Zimmerdecke enden.“
Die Fliege ist nun nicht mehr schwarz sondern hellrot.
„Steht Dir“, sage ich.
„Ja, schwarz hat so was Negatives, findest Du nicht auch?“
„Hm“ Ich schaue auf mein Bett.
„Weißt Du, ich bin noch müde und würde gern etwas schlafen, würde es Dir etwas ausmachen, woandershin zu fliegen?“ Ich öffne das Fenster zum Balkon.
„Wieso? Schlaf doch ein bisschen. Mir macht das nichts aus.“ Die Fliege rutscht ein Stück von meinem Bett und mustert mich.
„Das ist meine Wohnung und ich möchte, dass Du jetzt da rausfliegst!“ Ich deute auf das geöffnete Fenster
„Deine Wohnung… auch wieder so ein Konstrukt!“
„Jetzt reicht es mir aber. Es ist 5 Uhr morgens, normalerweise schlafe ich um diese Zeit und Du kommst mir hier mit solchem Quatsch! Ich will jetzt meine Ruhe haben!“
„So, jetzt entspann dich mal!“ Die Fliege schiebt mich durch die geöffnete Balkontür und schließt diese geräuschvoll von innen.
„Hey, das kannst Du doch nicht machen!“ ich hämmere von außen an die Scheiben. Die Fliege lässt sich nicht stören und geht erst einmal in die Küche rüber.

Als es draußen hell wird, sehe ich vom Balkon aus, wie die Fliege auf meinem Bett sitzt. Sie hat ein Tischbein abgebrochen und verspeist es genüsslich. Dabei wirft sie einen Blick in die Zeitung von gestern.
Ich stehe auf dem Balkon, scharre mit den Hufen und hoffe, dass mich bloß niemand sieht.

 

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